FREUNDESKREIS STADTMUSEUM DARMSTADT E.V.

ALTSTADTMUSEUM HINKELSTURM

*** geöffnet von April - Oktober, samstags und sonntags von 14 - 16 Uhr ***

          1. Stadtgründung

          2. Die Nebenresidenz

          3. Die Alte Vorstadt

          4. Die Neue Vorstadt

          5. Die Mollerstadt

          6. Die Gründerzeit

          7. Das 20. Jahrhundert

      ©Freundeskreis Stadtmuseum, 2004

 

Die Geschichte der Darmstädter Altstadt-

7. Das 20. Jahrhundert: Vom Ende der Residenzstadt zum Verlust der Altstadt

Auszug aus der Examensarbeit von Jörg Harbrecht 'Denkmalpflege und Geschichts-unterricht am Beispiel der Darmstädter Altstadt', erarbeitet 1998 an der Johann Wolfgang Goethe - Universität in Frankfurt am Main

Soweit nicht anders angegeben, handelt es sich um eigene Aufnahmen

Bild 52

Marktplatz nach 1945 (Zimmer, Ehemals, gestern und heute, S. 50).

Bild 53

Marktplatz mit Rathaus und Stadtkirche, September 1998.

Bild 54

Plan des Marktplatzes mit den einzelnen Gebäuden. Der Durchbruch der Ludwigstraße ist schraffiert (nach Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 59 und Beilage des Plans von J. M. Weiß von 1799, vgl.: Bild 2).

Bild 55

Rathaus, Ecke von Treppenturm und Fassade, September 1998. Zu erkennen sind die unterschiedlichen Gesimshöhen.

Bild 56

Pädagog, Südseite, Vorkriegsaufnahme. Zu erkennen am linken Nachbargebäude die Bögen der Stadtmauer. Die Mauer verlief auch im Pädagog (bei verputzten Bögen) fort (Haupt, Baudenkmäler, Bd. 2, S. 86).

Bild 57

Pädagog, September 1998.

Bild 58

Pädagog, Vorkriegsaufnahme der Nordseite aus den 30er Jahren (Deppert/-Häussler, Altstadt, S. 69).

Bild 59

Pädagog um 1800, Gemälde von Schnittspahn um 1870, vermutlich nach einer Vorlage von Susemihl (Illgen, Biedermeier, S. 53).

Bild 60

Das ehemalige Gasthaus zur Goldenen Krone, im Hintergrund die Laterne des Stadtkirchturms (August 1998).

Bild 61

Die Bebauung von westlicher und östlicher Magdalenenstraße, August 1998. Beachtlich sind die Baumpflanzungen der jüngeren Stadtplanung: Die Baudenkmäler werden verdeckt, die monotone Blockbebauung ist frei zu bestaunen.

Bild 62a

Alte Vorstadt 1680 (Stadtplanungsamt, Vorstadt, S. 5, 12, 20, 28).

Bild 62b

Alte Vorstadt 1780 (Stadtplanungsamt, Vorstadt, S. 5, 12, 20, 28).

Bild 62c

Alte Vorstadt 1880 (Stadtplanungsamt, Vorstadt, S. 5, 12, 20, 28).

Bild 62d

Alte Vorstadt 1980 (Stadtplanungsamt, Vorstadt, S. 5, 12, 20, 28).

Bild 63a-d

Ansichtszeichnungen der Alexanderstraße in der Alten Vorstadt um 1680, 1780, 1880 und 1980, Stadtplanungsamt, Vorstadt, S. 2).

Bild 64

Ballonplatz mit der Rekonstruktion von Haus Nr. 3 und den sich anschließenden Neubauten 1995.

Bild 65

Fragment der Vorstadtmauer, ehemalige Schleuse des Gefängnisses, September 1998.

Bild 66

Jägertor von Ernst August Schnittspahn, 1862 nach alter Vorlage (Illgen, Biedermeier, S. 73).

Bild 67

Grundrisse und Ansichten der Häuser der Alten Vorstadt.  

Oben: Die Häuser der ersten Bauphase (Fries, Denkmaltopographie, S. 81 - nach Heinrich Winter; Haupt, Bd. 2, S. 85f).

Unten: Haus der zweiten Bauphase. (Fries, Denkmaltopographie, S. 81 - nach Winter)

Mitte: Grundrisse und Ansichten der Häuser der Alten Vorstadt  

Hofgrundriss und Perspektive (Stadtplanungsamt, Vorstadt, S. 9).

Bild 68

Magdalenenstraße Nr. 15, Januar 1992.

Bild 69

Magdalenenstraße Nr. 21, ursprüngliche Fensterumrahmung, August 1998.

Bild 70

Magdalenenstraße Nr. 29 mit Dachaufstockung des 19. Jahrhunderts, September 1998.

Bild 71

Rechts: Alexanderstraße Nr. 25, Wiederaufbau mit nachempfundenem Giebel der Birngarten-Epoche.

Mitte: Alexanderstraße Nr. 27, Wiederaufbau mit vier Fensterachsen.

Links: Alexanderstraße Nr. 29 im nahezu ursprünglichen Zustand (August 1998).

Das 20. Jahrhundert: Vom Ende der Residenzstadt zum Verlust der Altstadt

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges am 1.8. 1914 veränderte das alltägliche Leben. Im August 1918 wurde ein Haus im Woogsviertel durch Bombenabwürfe zerstört, ein weiteres beschädigt. Nach dem Weltkrieg bestimmten das Verschwinden von Hof und Garnison, die französische Besatzung des westlichen Umlandes und die allgemeine Wirtschaftslage die weitere Entwicklung der Stadt.[1]

 

Zur Behebung der Wohnungsnot entstanden einige Notwohnungen und vor allem seit 1923 große Wohnblocks im Bahnhofsviertel, östlich der Altstadt, im Soder- und im Martinsviertel, hier vor allem im Rhönring. Dennoch genügten die von 1919 bis 1925 gebauten 2235 Wohnungen nicht, da die Bevölkerung im gleichen Zeitraum von 82.368 auf 89.465 anstieg. Seit 1923 entstanden auch noch mehrere Industriebauten.[2]

 

Die Weltwirtschaftskrise führte zu hoher Arbeitslosigkeit und zum Konkurs zahlreicher Firmen. Die Auswirkungen waren besonders in der Altstadt folgenreich. Trotz des Neubaus zahlreicher Wohnungen, allein zwischen 1929 und 1932 entstanden 1500, verdichtete sich zwischen den Kriegen die Altstadt zum sozialen Brennpunkt.[3]

 

Die Gewaltmaßnahmen der Nationalsozialisten haben auch in Darmstadt ihre Spuren hinterlassen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten die Synagogen. Schon im März 1933 wurde, um Ruhe zu erzwingen, eine große Durchsuchung in der Altstadt durchgeführt. Bauliche "Altstadtgesundungsmaßnahmen", wie in Frankfurt oder Kassel, hat es in Darmstadt kaum gegeben. Dafür entstanden außerhalb der Altstadt einige Wohnblocks, die Heimstättensiedlung und die Siedlung an der Windmühle. Ferner sind Kasernen und Hochschulinstitute in der Alten Vorstadt und im Schlossgarten gebaut worden.[4]

 

Bis zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges bot die Altstadt mit 459 Gebäuden um 1940,[5] trotz der starken Verdichtung und den Durchbrüchen, noch ein in sich geschlossenes Bild. Von der Mauer standen noch zwei, einige hundert Meter lange Teile aufrecht. Dazu kamen zahlreiche Fragmente, die sich in Hinterhöfen erhalten hatten. Wenn diese Teile auch verbaut und nicht frei sichtbar waren, so machten sie immerhin noch etwa ein Drittel des ursprünglichen Mauerringes aus. Der mittelalterliche Zustand war also im Stadtbild noch gut zu erkennen.[6]

 

Insgesamt waren 36 Bombenabwürfe auf Darmstadt zu zählen.[7] Der erste am 8.6.1940 richtete noch geringen Schaden an, traf die Altstadt nicht. Ab 1943 sind gezielte Angriffe auf Darmstadt geflogen worden. Am 23. September 1943 wurde dann vor allem die Altstadt schwer getroffen. Zerstört waren das Quartier um die Insel und der Glockenbau des Schlosses. Es waren 149 Tote und 278 Verletzte zu beklagen. 162 Gebäude wurden total und 210 schwer beschädigt, insgesamt waren 1350 Wohnungen betroffen.[8]

 

In der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 wurde die Innenstadt Darmstadts völlig zerstört. Dieser Angriff kostete mehr als 12.000 Menschen das Leben. Von den insgesamt 8401 Wohnungen der Innenstadt waren 4064 vernichtet und 462 unbewohnbar.[9] Die weite Innenstadt war zu 78%. zerstört. Die Altstadt wurde - von zwei Gebäuden abgesehen - vollständig zerstört, so dass die bisher verbaute Mauer wieder zum Vorschein kam. Erst nach dem Krieg verheizte die Bevölkerung noch vorhandene Holzteile der Türme und des Wehrgangs und verwendete an einigen Stellen Steine als Baumaterial.[10]

 

Auch die Mollerstadt wurde schwer getroffen. Weniger beschädigt waren Johannes- und Martinsviertel. Von der alten Vorstadt blieben zahlreiche Häuser, vor allem im älteren Teil, stehen. Die Industrieanlagen sind dagegen erst am 12.12. 1944 zerstört worden.[11]

 

Lebten 1939 in Darmstadt noch 115.221 Einwohner, so waren es beim Einmarsch der Amerikaner am 25.3.1945 nur noch 54.687.[12] Bis Ende 1945 sind die wichtigsten Straßen von Trümmern befreit gewesen. Die ersten Straßenbahnen fuhren sogar schon im Oktober 1944 wieder.[13] Darmstadt verlor den Status der Hessischen Landeshauptstadt an das vergleichsweise wenig zerstörte Wiesbaden, daher musste der Aufbau einen Strukturwandel vollziehen. Industrie und Gewerbe wurden, zunächst auf dem ehemaligen Exerzierplatz, angesiedelt. Wichtig war auch die Beibehaltung der Hochschule. 1946 stieg die Einwohnerzahl wieder auf 76.266, und der Kaufhof eröffnete als erstes großes Geschäft noch vor der Währungsreform.[14]

 

Für den Aufbau wurde 1945 eine Kommission unter Leitung von Karl Gruber eingerichtet. Dieser legte für den Bereich der Altstadt ein Konzept vor, das wie zuvor Wohnen und Gewerbe verband und alle wichtigen Ruinen einbezog. Zur Wahrung der mittelalterlichen Stadtstruktur sollte Neues mit Altem verbunden werden. So wäre ein neues Stadthaus als Erweiterung des wiederaufgebauten Rathauses entstanden. Diese Planungen wurden von wenigen Ausnahmen abgesehen, wie der Aufbau der Stadtkirche, nicht umgesetzt, weil Gruber nicht zum Oberbaudirektor berufen wurde.[15]

 

Dagegen sah ein 1947 von Joseph Tiedemann entworfener Bebauungsplan den Abriss aller Ruinen, wie Stadtkirche, Schloss und Rathaus vor. Auch die Ludwigssäule stand zur Disposition. Mehrere Verkehrsachsen sollten die Stadt von Norden nach Süden durchziehen.[16] Baumeister des Aufbaus wurde dann aber ab Juni 1947 Peter Grund, der die Zerstörung als "eine einmalige Gelegenheit, die notwendigen städtebaulichen Eingriffe zu machen",[17] betrachtete. Damit war die Grundlage für die Zerstörung zahlreicher noch vorhandener, wiederherstellbarer Baudenkmäler gelegt.

 

Entsprechend sollte auch der Weiße Turm nach einem Stadtverordnetenbeschluss von 1947 als Verkehrshindernis abgebrochen werden. Er ist erhalten geblieben, weil das Land Hessen als Eigentümer in diesem Falle den Belangen der Denkmalpflege Rechnung trug und die Abbruchgenehmigung verweigerte. 1949 wurde die Ruine gesichert und 1954 um ein Geschoß erhöht, um die geplanten höheren Neubauten weiterhin zu überragen.[18]

 

Die beiden großen zusammenhängenden Stadtmauerzüge kamen mit der Aufteilung des Altstadtgeländes, auch durch Enteignung, in unterschiedlichen Besitz. Der östliche Teil mit Hinkelsturm blieb im Eigentum der Stadt und wurde 1952 als Altstadtdenkmal in eine Grünanlage einbezogen. Hierbei wurden Schäden im Mauerwerk ausgebessert, es blieb aber das Erscheinungsbild einer Ruine - vor allem wegen des dachlosen Turms - erhalten. Der nördliche Teil befand sich auf Gelände, das dem Land Hessen für Hochschulbauten zur Verfügung gestellt wurde. Hier zeigte das Land weniger Interesse am Denkmalschutz und brach diesen Teil - entgegen damaliger Zusagen - bis auf die heute noch verbliebenen Reststücke ab.[19] 

 

Währungsreform und Grundgesetz legten die Grundlagen des zügigen Aufbaus. Bis 1954 waren insgesamt 23.709 Wohnungen fertig gestellt. Dennoch fehlten noch immer 2000 Gebäude. Die Bevölkerung stieg von 100.000 im Jahr 1951, auch durch den Zuzug mehrerer tausend Flüchtlinge, auf 127.000 in 1957.[20]

 

Der Wiederaufbau des Schlosses begann ab 1946 mit dem Neuschloss. Dessen Abbruch wurde nur anhand von Plänen diskutiert, konnte aber wegen der dringend benötigten, noch gut zu nutzenden Räume nicht umgesetzt werden. 1947 sind das Wallhaus und 1950 das Brückenhaus instand gesetzt worden. Durch Spenden der Bevölkerung konnte 1951 der Turm mit dem Glockenspiel rekonstruiert werden. Noch nach der Vollendung der Neuschlossflügel 1956, war die Wiederherstellung des Altschlosses unsicher. Diese wurde 1957 mit ersten Planungen eingeleitet, begann 1958/59 mit dem Glockenspielbau und war bis 1968 weitgehend fertig gestellt.[21]

 

1951 wurde die Bebauung des Altstadtbereiches in Angriff genommen. Man begradigte die Landgraf-Georg-Straße im Bereich der Altstadt, nachdem die Altstadtsenke mit Trümmerschutt aufgefüllt worden war. Eines der beiden stehen gebliebenen Altstadthäuser, die Metzgerei Fuchs, ist dann nach 1958 abgebrochen worden. Die klassizistische Ruine an der Stelle des ehemaligen Landgraf-Johann-Hauses fiel bereits 1953. Damit ist die Goldene Krone das letzte Wohnhaus auf dem Gebiet der ursprünglichen mittelalterlichen Altstadt.[22]

 

Die nördliche Altstadt, einschließlich des gesamten Birngartenbereichs der Alten Vorstadt, wurde mit Hochschulgebäuden überbaut. Auch hier sind zahlreiche wiederaufbaubare Ruinen abgebrochen worden. Damit sind von der Alten Vorstadt nur noch Teile der ersten Bauphase vorhanden. Die ursprüngliche kleinteilige Parzellierung fand bei der Neubebauung keine Berücksichtigung. An Stelle des ursprünglichen Siedlungskernes steht heute ein Heizkraftwerk, dessen Größe und Monotonie jedes städtebauliche Maß sprengt. 1964 ist dann auch die Bebauung des südlichen Altstadtbereichs um die Insel mit dem großen Block des Liebighauses fertig gestellt worden. [23]

 

Dem Aufbau der Stadtkirche 1952/53 folgte 1954 der des Rathauses. 1949 bis 1959 ist auch das zwischen Schloss und Schlossgarten liegende Landesmuseum instand gesetzt worden. Im Bereich der Neustadt wurden die wenigen noch stehenden Gebäude oder aufbaubaren Ruinen gegen den Einspruch des Landeskonservators beseitigt. Ab 1952 ist als einziges Gebäude am Luisenplatz das Kollegienhaus wiederhergestellt worden. Die restlichen Ruinen, zum Teil in besserem Zustand, brach man ab. Auch hier machte sich der Unterschied zwischen Stadt- und Landesbesitz bemerkbar. Die siebziger Jahre waren durch den Theaterneubau und die Umgestaltung des Luisenplatzes mit Tunnel und Luisencenter geprägt.[24]

 

1979-1984 ist der Wiederaufbau des Pädagogs durch eine Bürgerinitiative gegen die Abrisspläne der Stadt durchgesetzt und durchgeführt worden.[25] Aber auch in den letzten Jahren sind einige unsensible Eingriffe in das Stadtbild durch den Abbruch von Baudenkmälern und nicht geschützten Altbauten zu verzeichnen gewesen.[26] Die Stadtmaueranlage um den Hinkelsturm ist, nachdem sie in den letzten Jahren vernachlässigt wurde, inzwischen zu einem Aussichtsturm mit Altstadtmuseum ausgebaut worden und wird vom "Freundeskreis Stadtmuseum e.V." betreut.

 

Insgesamt ist der Wiederaufbau Darmstadts unter städtebaulichen und kulturhistorischen Gesichtspunkten äußerst kritisch zu betrachten. Bedeutende Baudenkmäler wurden abgebrochen.[27] Das Ergebnis des Wiederaufbaus in Darmstadt sehen auch Durth und Gutschow als "Verlust der Stadträumlichkeit", gerade im Altstadtbereich.[28] Dies ist bedauerlich, denn "das Beste, was eine moderne Stadt des 20. Jahrhunderts aufweisen kann, ist ihre mittelalterliche Altstadt".[29]

 

Dabei hatten die Bürger ihren Willen, den gewachsenen Stadtraum zu erhalten, schon 1951 mit den Spenden für das Glockenspiel und 1953 mit den etwa 18.000 Unterschriften für den Wiederaufbau des Mollertheaters bekundet. Außerdem erfolgten schon 1953/55 Proteste über Lärmbelästigung der "verkehrsgerechten" Stadt. Landschaftszerstörung durch Zersiedelung und Grundwassergefährdung durch Industrie standen Ende der sechziger Jahre zur Debatte.[30]

 

Gegen die massive Zerstörung des gewachsenen Stadtraumes durch eine Schnellstraße im Martinsviertel kam es 1969 und 1972 zu Bürgerversammlungen. Statt der Zerstörung forderte man die Sanierung alter Wohnviertel. Als um 1980 die Planungen eingestellt wurden, war der Kernbereich des Viertels bereits sehr zerstört. Bürgerinitiativen verhinderten auch den Autobahnbau, der die Stadt vom Ostwald abgeschnitten hätte.[31]

 

Zu bedauern - so Deppert - ist auch der Abbruch der wiederaufbaubaren Ruinen des Luisenplatzes in den fünfziger Jahren. Das dafür entstehende Karstadt-Luisencenter rief schon bald Proteste hervor, bei der Einweihung 1977 flogen Eier und Tomaten.[32] Auch Durth/Gutschow sprechen von einem "unwirtlichen Kasten", der in einem "skandalösen Tauschgeschäft... einem Investor zu kommerzieller Nutzung ...überlassen (worden ist). Für Darmstadt spiegelt sich in diesem Ergebnis der wirkliche Verlust an Geschichte zugunsten eines Konkurrenzvorteils im Kampf um _Kaufkraftströme_".[33]

 

Dass die Grenzen des Erträglichen weit überschritten worden sind und die Stadt stark an Wohnqualität verloren hat, zeigte sich Ende der siebziger Jahre am Schwund der Einwohnerzahl. Betrug diese 1970 noch 141.224, so fiel sie bis 1975 wieder auf 137.523.[34] Deppert schließt die Geschichte Darmstadts im Jahr 1975 mit dem Hinweis, dass es in Zukunft großer Anstrengungen bedarf, vor allem die Last der Verkehrsprobleme befriedigend zu lösen.[35]

 

Die Abbrüche der Wiederaufbautzeit waren noch 1997 Anlass zu politischer Auseinandersetzung: Der ehemalige Bürgermeister Wolfgang Gehrke (CDU) warf der SPD-geführten Stadtverwaltung vor, "Krieg gegen geschichtliche Denkmale" geführt zu haben und noch immer zu führen. "Sozialistische Intoleranz gegenüber feudalen Bauwerken" sei ausschlaggebend dafür gewesen, dass "die Stadt Darmstadt und das Land Hessen in der Vergangenheit wichtige historische Bauten verkommen ließen und dem Erdboden gleichmachten".[36] Abgesehen von der heute leider üblichen parteipolitisch-polemischen Wortwahl ist die Wiederaufbau-Mentalität in Darmstadt und vielen anderen deutschen Städten hier deutlich auf den Punkt gebracht.

 

Erst vor dem Hintergrund der Darmstädter Stadtgeschichte erschließen sich die Baudenkmäler als deren Überreste. Die folgenden Unterrichtsvorschläge betrachten die Altstadt im Ganzen und die Baudenkmäler im Einzelnen.

Literatur

 

Ackermann, Karl, Von der Wasserburg zur Großstadt. Darmstadts Entwicklung in 900 Jahren (Schriftenreihe des Instituts für Naturschutz Darmstadt, Bd. VII./2), 3. Auflage, Darmstadt 1971.

 

Battenberg, Friedrich, Von den Anfängen bis zum Ausbau der frühneuzeitlichen Residenz, in: Eckhart G. Franz, Darmstadts Geschichte, a. a. O., S. 11-128.

 

Benz, Peter, Stellungnahme des Oberbürgermeisters zu dem Aufsatz von Herrn Dr. Wolfgang Gehrke in Heft 1997/4, in: Schützt Darmstadt, a. a. O., Heft 2/1998, Darmstadt 1998, S. 164-165.

 

Bürnheim, H., Straßenbahn rund um den Langen Ludwig, 2. überarbeitete Auflage, Düsseldorf 1980.

 

Deppert, Fritz, Wiederaufbau und neue Ziele, in: Eckhart G. Franz, Darmstadts Geschichte, a. a. O., S. 483-540.

 

Deppert, Fritz und Häussler, Christian, Die Darmstädter Altstadt. Originale - Genies - Lausbuben, Darmstadt 1992.

 

Diehl, Wilhelm und Schädel, Amalie, Die Stadtkirche zu Darmstadt (neubearbeitet und ergänzt von Heinrich Walbe), Darmstadt 1930.

 

Ebner, Fritz, Das alte Darmstadt vor der Zerstörung. 114 Photographien ausgewählt und erläutert von Fritz Ebner, 2. Auflage, Darmstadt 1965.

 

Enders, Siegfried, Kulturdenkmäler in Hessen. Landkreis Darmstadt-Dieburg, in: Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 1988.

 

Franz, Eckhart G., Darmstadts Geschichte. Fürstenresidenz und Bürgerstadt im Wandel der Jahrhunderte, Darmstadt, 1980.

 

Franz, Eckhart G., Vom Biedermeier in die Katastrophe des Feuersturms, in: Eckhart G. Franz, Darmstadts Geschichte, a. a. O., S. 289-482.

 

Fries, Günter, u.a., Kulturdenkmäler in Hessen. Stadt Darmstadt, in: Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.), Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 1994.

 

Fries, Günter, Die Stadtbefestigung im Laufe der Jahrhunderte - vom Verlauf, vom weiteren Ausbau, von Abriß und Vergessen ... und vom Wiederauffinden; nebst einem Exkurs über die Römer in Darmstadt, in: Stadt Darmstadt - Magistrat (Hrsg.), Darmstädter Stadtmauer, a. a. O., S. 36-45.

 

Geelhaar, Christiane, Neue Nutzung und neue Planungen für die Stadtmauer, in: Stadt Darmstadt - Magistrat (Hrsg.), Darmstädter Stadtmauer, a. a. O., S. 16-22.

 

Gehrke, Wolfgang, Marktfrevel und Krieg den Palästen, in: Schützt Darmstadt, a. a. O., Heft 4/1997, Darmstadt 1997, S. 146-147.

 

Häussler, Christian, Die Altstadt zur Mitte des 19. Jahrhunderts - ein Relief, in: Stadt Darmstadt - Magistrat  (Hrsg.), Darmstädter Stadtmauer, a. a. O., S. 22.

 

Häussler, Christian, Darmstadts Altstadt im Modell, in: Stadt Darmstadt - Magistrat (Hrsg.), Darmstädter Stadtmauer, a. a. O., S. 23-27.

 

Häussler, Christian, Darmstadts Stadtmitte im Historischen Vergleich (Drei Stadtpläne: 1939, 1986 und beide Kartenbilder in einem), Hrsg. von Schützt Darmstadt, Aktionsgemeinschaft zur Erhaltung von Kultur- und Naturdenkmälern e. V., Darmstadt 1986.

 

Haupt, Georg, Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Darmstadt, Bd. 1: Textband (Die Bau und Kunstdenkmäler des Landes Hessen), Darmstadt 1952.

 

Haupt, Georg, Die Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Darmstadt, Bd. 2: Bildband (Die Bau und Kunstdenkmäler des Landes Hessen), Darmstadt 1954.

 

Heiss, Nikolaus, Darmstadts mittelalterliche Stadtmauer "wiederentdeckt", in: Stadt Darmstadt - Magistrat (Hrsg.), Darmstädter Stadtmauer, a. a. O., S.6-15.

 

Heiss, Nikolaus, Das Rätsel der tiefen Maueröffnungen, in: Stadt Darmstadt - Magistrat (Hrsg.), Darmstädter Stadtmauer, a. a. O., S. 62-63.

 

Heiss, Nikolaus, Welchem Zweck diente der Tunnel im Bereich der Stadtmauer?, in: Stadt Darmstadt - Magistrat (Hrsg.), Darmstädter Stadtmauer, a. a. O., S. 64-65.

 

Herbig, Bärbel, Die Stadtmauer in der Nachkriegszeit, in: Stadt Darmstadt - Magistrat (Hrsg.), Darmstädter Stadtmauer, a. a. O., S. 46-51.

 

Illgen, Volker, Darmstädter Biedermeier. Mit den schönsten Bildern von Ernst August Schnittspahn, Amorbach/Odenwald, 1978.

 

Knieß, Friedrich Wilhelm, Darmstadt ein verlorenes Stadtbild, Gudensberg-Gleichen 1995.

 

Knodt, Manfred, Evangelische Stadtkirche in Darmstadt (Große Kunstführer Bd. 80), München, Zürich 1980.

 

Langner, Wolfgang, Einfügung von Neubauten in der Denkmalpflege, in: Denkmalpflege in Hessen, Bd. 1 & 2/1995, Wiesbaden 1995, S. 10-11.

 

Langner, Wolfgang, Archäologische Notgrabung in der "Hinkelsgasse" der Altstadt, in: Stadt Darmstadt - Magistrat (Hrsg.), Darmstädter Stadtmauer, a. a. O., S.56-61.

 

Reith, Wolfgang, Aus für ein Haus (Kommentar), in: Darmstädter Echo, vom 21.1.1998, S. 19.

Reith, Wolfgang, Schwäche eines Parlaments (Kommentar), in: Darmstädter Echo, vom 7.2.1998, S. 33.

 

Sabais, Heinz, Winfried, Über den Ortsnamen Darmstadt, in: Fritz Deppert (Hrsg.), Darmstädter Geschichte (n), Darmstadt 1980, S. 18-25.

 

Schmidt, Klaus, Die Brandnacht. Dokumente von der Zerstörung Darmstadts am 11.September 1944, Darmstadt 1964.

 

Schützt Darmstadt, Aktionsgemeinschaft zur Erhaltung der Kultur- und Naturdenkmäler e.V., Periodikum seit dem Erscheinen, Darmstadt, ohne Jahresangabe (1989).

 

Stadt Darmstadt - Magistrat (Hrsg.), Darmstadt in der Zeit des Barock und Rokoko, Darmstadt 1980.

 

Stadt Darmstadt - Magistrat (Hrsg.), Die Darmstädter Stadtmauer in sieben Jahrhunderten (Beiträge zum Denkmalschutz in Darmstadt, Heft 6), Darmstadt, ohne Jahresangabe (1996), S. 36-45.

 

Stadtplanungsamt Darmstadt (Hrsg.), Darmstadts alte Vorstadt, Darmstadt 1980.

 

Wannemacher, Annette, Brüchige Gründe für den Fall eines Denkmals (Kommentar), in: Darmstädter Echo vom 29.1.1994, S. 13.

 

Wiest, Ekkehard, Stationen einer Residenzgesellschaft. Darmstadts Entwicklung vom Wiener Kongreß bis zum Zweiten Weltkrieg (1815 - 1939) (Arbeiten der Hessischen Historischen Kommission Darmstadt), Darmstadt 1978.

 

Wiest, Ekkehard, Die "städtebauliche Preisgabe" der Altstadt im 19. Jahrhundert, in: Stadt Darmstadt - Magistrat (Hrsg.), Darmstädter Stadtmauer, a. a. O., S. 52-53.

 

Wolf, Jürgen Rainer, Zwei Jahrhunderte Krieg und Frieden, in: Eckhart G. Franz, Darmstadts Geschichte, a. a. O., S. 129-288.

 

Zimmer, Werner, u.a., 400 Jahre Darmstädter Martinsviertel. Geschichte und Leben eines Stadtteils 1590 - 1990, Darmstadt 1989.

 

Zimmer, Werner, Darmstadt ehemals, gestern und heute. Eine Stadt im Wandel der letzten 60 Jahre mit einer Einleitung von Eckhart G. Franz, Stuttgart 1981.

 

Zimmermann, Georg, Das Darmstädter Schloß und seine Baugeschichte, Darmstadt 1978.



[1]        Franz, Biedermeier, S. 428ff.

[2]        Franz, Biedermeier, 429, 436, 440 (Bild 5); Fries, Denkmaltopographie, S. 48.

[3]        Franz, Biedermeier, S. 445f; Wiest, Stationen, S.66.

[4]        Wiest, Stationen, S. 66; Franz, 455, 465, 470; Fries, Denkmaltopographie, S. 48.

[5]        Wiest, Stationen, S. 161.

[6]        Fries, Stadtbefestigung, S. 43.

[7]        Fries, Denkmaltopographie, S. 49, stellt 35 Angriffe fest.

[8]        Franz, Biedermeier, S. 475f; Schmidt, Brandnacht, S. 167; Karten mit den Zerstörungsgraden in Deppert/Häussler, Altstadt, S. 52, 54.

[9]        Franz, Biedermeier, S. 479. Der Wohnungsbestand für die gesamte Stadt lag bei 34.990, von denen 10.350 völlig und 5.738 stark zerstört waren (Deppert, Wiederaufbau, S. 483, Schmidt, Brandnacht, S. 172).

[10]       Deppert, Wiederaufbau, S. 483; Herbig, Nachkriegszeit, S. 46.

[11]       Franz, Biedermeier, S. 481.

[12]       Deppert, Wiederaufbau, S. 483 (Bild 5).

[13]       Deppert, Wiederaufbau, S. 483ff, 487ff. Bürnheim, Straßenbahn, S. 32, 57ff gibt als frühesten Termin für erste Straßenbahnfahrten nach dem Krieg den Februar 1945 an. Darmstädter Straßenbahn-Historiker verweisen aber bereits - aus eigenem Erleben - auf spätestens den Oktober 1944.

[14]       Deppert, Wiederaufbau, S. 494ff, 504 (Bild 5).

[15]       Deppert, Wiederaufbau, S. 503; Durth/Gutschow, Träume, 1988, S. 402; Fries, Denkmaltopographie, S. 50f. Dennoch wären auch nach diesem Plan die beiden unbeschädigten Altstadthäuser Zur Goldenen Krone und die Metzgerei Fuchs beseitigt worden.

[16]       Fries, Denkmaltopographie, S. 52; Franz, Biedermeier, S. 479. Dieser Plan - besser geeignet für eine neue Stadt im freien Feld - war einer von mehreren eingereichten Vorschlägen.

[17]       Deppert, Wiederaufbau, S. 504 (ohne Quellenangabe).

[18]       Deppert, Wiederaufbau, S. 506; Fries, Denkmaltopographie, S. 84.

[19]       Herbig, Nachkriegszeit, S. 46ff.

[20]       Deppert, Wiederaufbau, S. 520ff (Bild 5).

[21]       Deppert, Wiederaufbau, S. 525; Zimmermann, Schloß, S. 73ff.

[22]       Deppert, Wiederaufbau, S. 509, 520; Deppert/Häussler, Altstadt, S. 10.

[23]       Fries, Denkmaltopographie, S. 53; Durth/Gutschow, Träume 1988, S. 401; Deppert, Wiederaufbau, S. 509ff, 520ff.

[24]       Deppert, Wiederaufbau, S. 521ff, 532ff; Fries, Denkmaltopographie, S. 96.

[25]       Schon 1975 hat eine Bürgerinitiative die Sanierung des Bessunger Forsthauses gegen den Abbruch durchgesetzt (Deppert, Wiederaufbau, S. 536ff).

[26]       Die bedauerlichsten Abbrüche (in Klammern: Fries, Denkmaltopographie) der neunziger Jahre waren neben anderen der Güterschuppen des Ostbahnhofes, der Poststeg  und das alte Stellwerk des Hauptbahnhofes (S. 561), der Arheilger Bahnhof (S. 604) und das 1591 (!) erbaute Fachwerkgehöft Heidelberger Landstraße 267 (S. 629).

[27]       Die größten Verluste des "Wiederaufbaus" waren: Birngartengelände der Alten Vorstadt, Kleines Haus (Renaissance - Theater), Alexander-Palais, Ständehaus, Kasino, Marstall und um 1970 das von Moller und Heger erbaute Gefängnis, das den Krieg unbeschadet überstanden hatte.

[28]       Durth/Gutschow, Träume, 1988, S. 401.

[29]       Engel, Deutsche Stadt, S. 11.

[30]       Deppert, Wiederaufbau, S. 509, 514f, 522ff.

[31]       Deppert, Wiederaufbau, S. 528ff. Diese sowie 19 weitere "Sanierungsmaßnahmen" in anderen hessischen Städten sind nachzuschlagen in: Fritz-Vietta, Stadterneuerung in Hessen, S. 79ff.

[32]       Deppert, Wiederaufbau, S. 526, 539.

[33]       Durth/Gutschow, Träume, 1988, S. 402.

[34]       Deppert, Wiederaufbau, S. 532, 536 (Bild 5).

[35]       Deppert, Wiederaufbau, S. 539f.

[36]       Gehrke, Marktfrevel, S. 146; vgl. hierzu: Benz, Stellungnahme, S. 164f und Darmstädter Echo vom 20.12.1997, S. 13.

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