|
Soweit
nicht anders angegeben, handelt es sich um eigene Aufnahmen
Bild
26
Drei Öffnungen in der äußeren Mauer unterhalb des
Turmbodens vom Zwinger gesehen. Vermutlich handelt es sich um Dübellöcher,
die die Mauer bis zum Abbinden des Mörtels stabilisieren sollten
(August 1998).

Bild
27
Ausflickungen in der Mauer zeigen die verschiedenen
Nutzungen. Hier ist ein ehemaliger Stall mit Bodenpflasterung und
Eisenringen an der Wand zu erkennen (August 1998).

Bild
28
Hinkelsturm auf Stadtansicht von Merian, 1626
(Ausschnitt). Der Turm trägt ein spitzes Zeltdach mit Dachreiter (Heiss,
Stadtmauer, S. 14).

Bild
29
Darmstadt von Osten nach
einem Gemälde von Tobias Sonntag und Adam Eger um 1755. Von links
nach rechts sind zu sehen: Stadtkapelle auf dem Friedhof, Pädagog,
Stadtkirche, Hinkelsturm mit Zeltdach (ohne Dachreiter), Weißer
Turm, Schloss, Runder Turm und Schlangenturm. Das Bild gibt einen
guten Eindruck der Stadt zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Allerdings
ist zumindest am Schloss ein perspektivischer Fehler festzustellen:
Der Nord-West-Pavillon dürfte nicht zu sehen sein (Stadt Darmstadt
- Magistrat, Barock und Rokoko, S. 292).

Bild
30
Stadtansicht von Johann Jakob Hill, 1775.
Hinkelsturm ohne Dach, bzw. mit Flachdach. Der Hinkelsturm ist
oberhalb des Stadtkirchturms, leicht nach links versetzt zu
erkennen. Im Vordergrund die Neue Vorstadt (Heiss, Stadtmauer, S.
6).

Bild
31
Hinkelsturm mit Behelfsdach seit dem 19.
Jahrhundert. Die Bebauung des Zwingerbereiches mit Wohngebäuden und
Ställen wird hier deutlich (Ebner, Das alte Darmstadt, S. 59).

Bild
32
Hinkelsturm im Ruinenzustand, September 1992. Das
Gelände an der Stadtmauer ist noch nicht mit der Stadtbibliothek überbaut.

Bild
33
Stadtmauerfragment in der unteren
Erich-Ollenhauer-Promenade am Schloss. Im Hintergrund der
Stadtkirchturm. Am Neuschloss sind die unfertigen Rückwände zu
erkennen. (August 1998).

|
Die Neue Vorstadt
Noch
vor dem Ende des Krieges 1697 legte Ernst Ludwig von Gießen
aus die Grundlagen für den Ausbau Darmstadts. Ab 1695
begann man mit der Anlage der Neuen Vorstadt im Westen des
Schlosses (Bilder 3 und 30). Für diesen Standort war, nach
Haupt, die verkehrsgünstige Lage nahe der Landstraße von
Heidelberg nach Frankfurt ausschlaggebend. Die Planung zur
Vorstadt war anfänglich von der Ansiedlung hugenottischer
Flüchtlinge ausgegangen, um wirtschaftliche Vorteile zu
erlangen. Dieses Projekt sah 270 Häuser und einen
Schiff-Fahrtskanal zum Rhein vor, kam jedoch nicht zustande.
Hauptmerkmal
der Neuen Vorstadt ist eine vom Schloss ausgehende
Hauptachse nach Griesheim. Die Bebauung der Grundstücke
zeigt Parallelen zur Alten Vorstadt. Auch hier gab es eine
einheitliche Bauordnung, gestelltes Baumaterial und eine
Befreiung von den Grundlasten für zehn, später zwölf
Jahre. Bis zum Ausbruch des spanischen Erbfolgekrieges 1702
konnten nur wenige Häuser entlang der späteren Rheinstraße
errichtet werden, nach 1708, noch während des Krieges,
wurde weitergebaut. Gemessen am barock-absolutistischen
Anspruch dieser Zeit war das Ausgeführte wegen der
bescheidenen Mittel unvollständig, blieb aber dennoch
richtungweisend für Darmstadts Entwicklung bis weit ins
neunzehnte Jahrhundert.
Auch
die Neue Vorstadt ist noch befestigt worden, zunächst mit
einer hölzernen Palisade. 1745 wurde diese durch eine etwa
eineinhalb Meter hohe Mauer ersetzt. Für die
Stadterweiterung ist die Stadtmauer des 14. Jahrhunderts im
Westabschnitt niedergelegt worden. Erhalten blieb der Weiße
Turm, der 1706 bis 1708 zum repräsentativen Glockenturm
aufgestockt wurde (Bilder 34 und 36). Ein letztes Stück
Mauer blieb bis 1886 am Weißen Turm erhalten, auch in
einigen Hinterhöfen waren Teile verbaut.
Neben
der Vorstadt ließ Ernst Ludwig weitere repräsentative
Bauprojekte in Angriff nehmen. An erster Stelle stand die
Errichtung des Schlosses, nachdem die Kanzlei 1715
abgebrannt war. Entsprechend der absolutistischen Zeit
sollte de la Fosse eine gewaltige Vierflügelanlage an
Stelle des gesamten Altschlosses setzen. Dieses
Schlossbauprojekt überforderte die Darmstädter Mittel und
Verhältnisse aber bei weitem, so dass bis zum Tode de la
Fosses 1726 nur zwei Flügel - größtenteils im
Rohbauzustand - fertig gestellt wurden (Bilder 7, 18d und
33).
Das
zweite große Bauprojekt, ein 1719 begonnenes
Orangerieschloss, blieb ebenso Fragment. Dafür wurde das
Darmstädter Umland ab 1708, zum Leidwesen der Bevölkerung,
mit Schneisen und Jagdschlössern für die Parforcejagd
erschlossen. Unter der Regierung Ernst Ludwigs stieg die
Verschuldung des Staatshaushalts, vor allem wegen der großen
Bauprojekte, auf über 4 Millionen Gulden.
Die
Veränderungen im Altstadtbereich, so Wolf, lassen sich im
Einzelnen nicht mehr feststellen. Es ist aber davon
auszugehen, dass durch Zuzüge eine weitere Verdichtung
stattgefunden hat. Infolge der Kriege leerstehende und
verfallende Gebäude dürften ersetzt oder modernisiert
worden sein. 1735 entstand in der Ochsengasse die erste
Synagoge. Es ist festzustellen, dass in den Vorstädten überwiegend
Beamte, aber nur wenige Kaufleute lebten, während die
mittelalterliche Altstadt dem anderen Teil der Bevölkerung,
vor allem Handwerkern und Kaufleuten vorbehalten blieb.
Ganz
im Sinne dieser absolutistisch geprägten Zeit fanden
Reformen in der Stadtverfassung und im Zunftwesen statt. Bürgermeister
und Rat der Stadt mussten sich ein stärkeres Eingreifen der
staatlichen Verwaltung gefallen lassen.
Die
Einwohnerzahl Darmstadts stieg unter der Regierung Ernst
Ludwigs, vor allem wegen des vergrößerten Beamten- und
Offizierscorps, von 1500 (1695) über 3000 (1721) und
erreichte 1740 etwa 5000. Damit vollzog sich ein Übergang
vom eher ackerbürgerlich-handwerklichen Charakter der Stadt
zur Residenzgesellschaft.
Nach
dem Tode Ernst Ludwigs im Jahre 1739 trat Ludwig VIII. die
Regierung an. Er vernachlässigte, auch wegen der hohen
Verschuldung, den weiteren Ausbau Darmstadts. Dafür vergrößerte
er den Jagdapparat und residierte hauptsächlich im
Jagdschloss Kranichstein. Die wenigen Bauten unter der
Regierung Ludwigs VIII. waren ein Palais am Marktplatz (Bild
47) und ein großes, durch Spenden finanziertes Waisenhaus
vor dem Bessunger Tor. Zahlreiche neue Verordnungen regelten
vor allem Fragen der Sicherheit und die öffentliche
Ordnung. Infolgedessen wurde erstmals 1765 eine öffentliche
Straßenbeleuchtung installiert.
Die
Truppen des österreichischen Erbfolgekrieges (1740-48)
quartierten sich 1743 in Darmstadt ein. Der siebenjährige
Krieg (1756-63) hatte dagegen kaum nachteilige Auswirkungen.
Mit
Ludwig IX. wurden ab 1768 drastische Sparmaßnahmen zum
Abbau der Staatsverschuldung eingeleitet. Dies betraf in
erster Linie den Jagdapparat. Von Bedeutung war die
Beauftragung des Staatsrechtlers Karl Moser 1772 mit einer
großen Finanz- und Wirtschaftsreform. Die dafür
aufgestellte sehr genaue Landesstatistik lässt für 1777
9038 Einwohner errechnen. Für diese standen 574 Gebäude,
davon 453 zu Wohnzwecken, zur Verfügung.
Moser
ließ ab 1777 für die Verwaltung am Luisenplatz das noch
heute stehende Kollgiengebäude errichten. Die Abschaffung
der Folter 1769 und eine Humanisierung des Strafvollzuges
waren weitere positive Auswirkungen des Regierungswechsels.
Da Ludwig IX. von Pirmasens aus regierte, sank Darmstadt
politisch weiter in die Bedeutungslosigkeit ab. Während der
Abwesenheit Ludwigs residierte seine Frau, die nachmalige
Große Landgräfin Caroline in Darmstadt.
Wegen
der Militärleidenschaft Ludwigs entstanden dennoch auch in
Darmstadt große Militärbauten. So wurde die etwa seit 1750
vorhandene Infanteriekaserne in der Alten Vorstadt
ausgebaut. Zwischen Schloss und Schlossgarten entstand
1771/72 ein für damalige Verhältnisse ungewöhnlich großes
und teures Exerzierhaus.
Ludwig
X. (1790-1830) regierte wieder von Darmstadt aus. Unter
seiner Regierung vollzog sich der Wechsel vom Ancien regime
zum modernen Staat. Zunächst bestimmte die französische
Revolution die Politik. Nach der Kanonade von Valmy 1792
brachte sich die Darmstädter Regierung außerhalb
Darmstadts in Sicherheit. 1795 und 1806 kam es zu französischer
Besatzung. Nach dem Beitritt Hessens zum Rheinbund am
16.7.1806, wurde Ludwig durch Napoleon zum Großherzog
Ludwig I. erhoben. Damit kam Darmstadt, auch durch den
Gebietszuwachs, noch größere Bedeutung zu.
Der
Wiener Kongress führte zu einer günstigeren Grenzziehung für
Hessen-Darmstadt. Zunächst regierte Ludwig I.
absolutistisch. 1820 erhielt Darmstadt eine liberale landständische
Verfassung, die in den nachfolgenden Jahren wieder verschärft
worden ist.
Auch
die Bevölkerungsentwicklung macht die Veränderung
Darmstadts unter der Regierung Ludwigs I. deutlich.
Entsprach die Einwohnerzahl im Jahr 1800 mit 9853 noch
weitgehend den letzten beiden Jahrzehnten, so waren es 1815
schon 15.000 und 1820 dann 18.900.
Davon entfielen 53,3% der Haushaltungsvorstände auf die
Altstadt, in der 465 Gebäude bei 804 in der Gesamtstadt
standen. 1828 sind dann 21.392
Einwohner in Darmstadt gemeldet gewesen, davon entfiel ein
Drittel auf Staatsdiener und Soldaten. Die Zahl der Wohnhäuser
lag 1828 bei 1290, deren Anzahl bis 1846 nur noch
unwesentlich auf 1376 stieg.
Der politischen Entwicklung und der Zunahme der Bevölkerung
entsprach der Ausbau der Stadt. Zunächst vervollständigte
man die unter Ernst Ludwig begonnene Vorstadt. 1791
arbeitete Helfrich Müller einen Erweiterungsplan aus. Nach
diesen ersten Anfängen verhinderten die politischen
Ereignisse den zügigen Weiterbau, der erst nach dem
Friedensschluss von Campo Formio 1797 aufgenommen werden
konnte. Eine erneute Unterbrechung dauerte bis 1803. Der
Luisenplatz erhielt mit dem nachmaligen Alexanderpalais
seine endgültige Platzform. Bis 1805 war man an der
Grafenstraße angelangt.
Wolf, Jahrhunderte, S. 216ff; Haupt, Baudenkmäler,
Bd. 1, S. 16, 73.
Wolf, Jahrhunderte, S. 216ff; Haupt, Baudenkmäler,
S. 73. Nach Wolf wurde die Neue Vorstadt an der Stelle
angelegt, wo die Mauer von der französischen Besatzung
schon niedergelegt war. Denkbar wäre aber auch, daß
der Abbruch der Mauer an gerade dieser Stelle zwei Jahre
zuvor schon im Hinblick auf den Bau der Vorstadt
geschehen ist. Dies wäre an städtebaulichen
Gesichtspunkten und den noch vorhandenen Unterlagen
genauer zu untersuchen. Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S.
S. 73, bemerkt immerhin, daß schon 1684/85 die
Bezeichnung "Neue Vorstadt" für diese Stelle
gebräuchlich war, auch wenn nicht unbedingt gleich eine
Wohnbebauung vorgesehen war.
Fries, Stadtbefestigung, S. 38.
Wolf, Jahrhunderte, S. 223f.
Wolf, Jahrhunderte, S. 216, 224ff, sieht die
Verschuldung darin begründet, daß Ernst Ludwig
"jedes Augenmaß für die Realitäten des kleinen
und armen Landes" verloren hatte. Die Beamten der
Rentenkammer hätten dagegen schon vor dem Schloßbau
vor dem finanziellen Zusammenbruch gewarnt. Haupt,
Baudenkmäler, Bd. 1, S. 16f, sieht die Baumaßnahmen
Ernst Ludwigs als berechtigt an, den finanziellen
Zusammenbruch führt Haupt auf eine unfähige Verwaltung
und die Not der Zeit zurück.
Wolf, Jahrhunderte, S. 218, 243.
Wolf, Jahrhunderte, S. 234ff.
Wolf, Jahrhunderte, S. 230, 244; Siehe Bild 5.
Wolf, Jahrhunderte, S. 250, 259f.
Wolf, Jahrhunderte, S. 251.
Wolf, Jahrhunderte, S. 272. Ackermann,
Wasserburg, S. 31 gibt für 1777 nur etwa 7000 Einwohner
an und begründet dies mit dem nach Pirmasens verlegten
Hof (Bild 5).
Wolf, Jahrhunderte, S. 265ff.
Wolf, Jahrhunderte, S. 266. Die Verschwendung
wird offensichtlich, da ein erstes Exerzierhaus 1769
fertiggestellt, schon ein Jahr später für den dann
entstandenen Bau wieder abgebrochen wurde.
Wolf, Jahrhunderte, S. 286ff; Franz, Biedermeier,
S. 294f, 318.
Franz, Biedermeier, S. 300, 308.
Franz, Biedermeier, S. 309. Die 21.392 Einwohner
setzten sich wie folgt zusammen: 8885 Bürger, 4423
Staatsdiener, 2933 auf Dauer stationierte Soldaten und
656 "Tolerierte" (hierzu zählten auch die 415
Juden).
Franz, Biedermeier, S. 328; Wiest, Stationen, S.
33, 158. Der bei Wiest zugrundeliegende Altstadtbegriff
schließt die Alte Vorstadt ein.
|